Herz von Österreich – sehr bemüht

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Gestern war also die erste Folge des nächsten großen Wurfs eines österreichischen TV-Senders aus der Pro7 Gruppe.

„Herz von Österreich“

so der Titel. Einer der – wüsste man nicht worum es geht – auch eine Kuppelsendung oder Ärztesoap bezeichnen könnte. Tut er aber nicht, sondern betitelt eine Castingshow nach bekannten Vorbildern aus dem In- und Ausland, mit dem Unterschied dass letzteres bitteschön draußen bleiben soll. Tut es auch. Sehr gern und freiwillig.
Was „Herz von Österreich“ monatelang versprochen hat konnte es großteils nicht halten und das hat Gründe…

  1. Infrastruktur
    Vom Studio, über die Anzahl der Studiozuseher, zu den Moderatoren, dem personellen Aufputz, Effekten in Licht und Ton, der Bühne, Kulisse bis hin zur Jury. Das ist das Gegenteil von stattlich. Man merkt einfach dass hier ein geringeres Budget vorhanden ist als bei den Vorbildern an denen man sich orientiert hat.
    „Na gut, das is ja auch Puls4,
    (möchte man sagen) was erwartest Du?“
    Schon richtig, nur denkt der geneigte Zuseher nun einmal nicht in derartigen Kategorien und zieht daher berechtigterweise Vergleiche zur Konkurrenz aus Deutschland, GB oder gar den USA. Ist unfair, aber es ist ja beides im selben Fernseher zu sehen, also warum sollte ich akzeptieren dass das eine schlechter is als das andere?
    Die Jury ist Geschmackssache, zumindest DJ Ötzi und Stefanie Werger können behaupten national und teils über die österreichischen Grenzen hinaus Erfolg (gehabt) zu haben und der Plöchl? Der is liab…und sympathisch. Vor allem:Wer hätte denn sonst kommen sollen? Mit dem Fokus auf Österreich wird man sich schwer tun einen Juror aus dem Ausland zu engagieren. Und im Inland? Rainhard Fendrich wird zu teuer gewesen sein, Wolfgang Ambros nicht konstant genug, Georg Danzer zu tot, Ludwig Hirsch ebenfalls, Falco ebenfalls, Hansi Dujmic ebenfalls, Carl Peyer zu alt, Boris Bukowski zu weiss nicht, Peter Cornelius zu wenig polarisierend, die Jazz Gitti zu hysterisch lustig, der Prokopetz zu wenig Musiker, der Alexander Göbel zu deutsch, der Franz Morak zu politisch, Michael Tschuggnall zu lang weg (das war der von Starmania1), Max Schmiedl zu sehr Taxifahrer, Andy Baum zu wenig Hits, Günther Mokesch zu abgehoben, Andre Heller hat ma sich nicht fragen getraut, Hans Moser ist tot und Udo Jürgens hat besseres zu tun. Thomas Forstner geht gar nicht, Tony Wegas auch ned, mit Alf Poier wirds skurril und der Niavarani singt ned so vü…also zusammengefasst: Die 3 sind eh nicht so schlecht! Was es halt gibt in diesem Land an praktizierenden Musikern mit statistisch signifikanten Plattenverkäufen… (Austro-Musikexperten wird aufgefallen sein dass in der Aufzählung Christina Stürmer nicht dabei war. Vielleicht is sie aber eh gefragt worden und wollte nicht…)
  2. Konzept:
    Wieso nicht live?? Traut man sich nicht?? Kann man es nicht?? Ich habe bei der ersten Folge von sämtlichen Kandidaten aus dem Teaser vor, und in der Anfangsphase der Sendung bereits gewusst was mich erwartet, was sie wie singen, was sie anhaben, ob sie eine gute Stimme haben etc…NULL Überraschung, außer bei dem einen Typen der als einziger seinen eigenen Song geträllert hat, aber den hat man dramaturgisch weniger effizient gleich zu Beginn singen lassen. Ich glaube auch dass das der Grund wieso ich das Gefühl hatte dass diese Sendung Längen hat. Viele. Zu viele.
  3. das rot-weiss-rote Korsett
    Ich finde es wirklich großartig österreichischen Musikern eine Chance zu geben. Eine Chance auf eine Bühne, eine Chance auf einen guten Preis (is er das? Oder klingt er nur gut? 500.000€ Werbebudget is relativ…kann man auch mies anlegen, je nachdem was die Gegengeschäfte halt so hergeben 2014…man wird sehen) und die Chance auf Fernsehminuten. Nur: im Nachhinein betrachtet hat niemand aus der ersten Folge seine Chance genutzt, mit Ausnahme des Auftaktkandidaten, der einen eigenen Song gespielt, und sich somit ins Rampenlicht gestellt hat. Der Rest hat gecovert, auch wenn er behauptet hat „eigene Sachen“ zu bevorzugen. Aus eigener Musikererfahrung kann ich sage: Die eigenen Sachen mag das Publikum nie so wie die bekannten Hadern. Nur DIE wiederum darf ma bitte nicht abändern, is ja immerhin österreichisches Kulturgut.
    Also welche Möglichkeiten haben die Kandidaten? Songs der alten Austropopper ein bissl anders bringen und angepisst zu werden dass ma das nicht darf, Songs von neuen Austropoppern bringen und dabei langweilig zu wirken, internationale Songs auf deutsch/österreichisch umschreiben und den DJ Ötzi abbusseln oder einen Song selbst schreiben, selbst performen und  trotzdem ausscheiden…halt irgendwie schwieriger als einfach nur herzugehen und zu singen was zu einem passt. DAS passt halt dann manchmal vielleicht nicht ins rot-weiss-rote Korsett
  4. Personal
    Andreas Gabalier hat keinen Schmäh, Johanna Setzer quatscht IN DIE PERFORMANCE der Künstler hinein (DAS ist die größte Respektlosigkeit die man sich erlauben kann), Norbert Oberhauser tut so als wäre er ein Jahrgangskollege von Peter Rapp und niemals jünger gewesen, die Coachs werden nicht präsentiert und dürfen heiße 3 Sätze sagen, und wer zum Teufel ist diese dunkelhaarige Gratulationsangestellte mit dem roten HvÖ Shirt zwischen Bühne und Keli-Lounge? (Absicht) Die darf reden, is lieb, wirkt freundlich aber darf offenbar keinen Namen haben…
  5. Das Voting

    Mein Fazit:
    Man hat ein gutes Konzept entwickelt, die Motivation dahinter ist ehrenhaft und zu befürworten und auch alle die mitwirken scheinen ambitioniert, wenn auch vielleicht nicht immer in die pubikumswirksamste Richtung. Aber es ist eben nicht mehr als ein „Sehr bemüht!“ unter dem Schulaufsatz…
    Auf der anderen Seite bringt die Sendung Gesprächsstoff, Werbeeinnahmen und akzeptable Quoten. Also was will man mehr? Muss ja nicht immer zu 100% gefallen…